zerzura

 

 
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Als sie auf dem Kamm der letzten Düne angekom-
men waren, wies Nur auf den Körper am Hang
unter ihnen. Die Frauen ließen sie alleine weiter-
gehen. Doch dann folgten sie ihr und standen eine
Weile reglos vor dem Soldaten, ihre dunklen
Schleier flatterten im Wind und verdeckten ihre
Gesichter.
Ein langer Augenblick der Stille trat ein. Der Mann
lag mit geschlossenen Augen da, die Hände zum
Boden gedreht, und die drei Frauen begannen sich
zu fragen, ob Nur nicht geträumt hatte. Aber wie in
der Nacht zuvor wandte er sich ihr zu und schaute
sie an, seine Lippen öffneten sich leicht; der Him-
mel über ihnen schimmerte schwarz, die Dünen
lagen still da, und der Soldat begann zu sprechen.
Er sprach ohne Unterbrechung die ganze Nacht
hindurch. Er sprach vom Krieg; vom Krieg und
von der Zerstörung, vom Schrecken der letzten
Kämpfe, von den Händen der Männer auf den Waf-
fen, bebend erst, dann ruhig und präzise, von der
Erde, die Tag und Nacht bebte, vom beißenden Ge-
ruch des Pulvers und von der Angst, vom Erbrechen
vor Angst, von den unwillkürlichen Zuckungen,
den Körpern, denen der letzte Rest Frieden ausge-
trieben worden war, den zerfetzten Kinderleichen
und den Frauen, die zwischen den Häuserruinen
verbluteten, den feindlichen Linien, den Schlacht-
feldern und den Flüchtlingen zwischen Schutt,
Blech und Körpern, den Gefangenen, die mit der
Stirn auf dem Boden knieten und von Schluchzen
geschüttelt wurden, von Männern, die im Schlaf
schrien, und von anderen, die mit verstörtem
Gesicht von dem Mann sprachen, den sie vor ihren
Augen hatten sterben sehen, von den erschöpften
und stummen Soldaten, von jenen, die so schnell
wie möglich Schluß machen wollten, und von
jenen, die laut lachten; von den Hunderten von
Gesichtern, die in Dutzenden von Sprachen rede-
ten, von ihren würzigen und faden, fetten und
einfachen Speisen, ihren knochigen oder breiten
Schultern, die alle gleichermaßen zusammenzuck-
ten, wenn sich eine Hand auf sie legte.
Er schluchzte; er hatte junge Frauen gesehen, die
auf blutigen Bahren lagen, er hatte Frauen gesehen,
die ihren Rock hoben und ihre Haarknoten lösten,
wenn es Abend wurde und in den Lagern Musik
erklang. Er hatte einen Jungen gesehen, den Sol-
daten in einem behelfsmäßigen Unterschlupf ge-
funden hatten, ein Bein ausgerissen, den Körper
vom Fieber geschüttelt, unfähig zu sagen, wer er
war. Er hatte faden Kaffee getrunken mit Männern,
die schweigend auf den Beginn der Kämpfe warte-
ten; er war mit ihnen durch die Nacht marschiert
und hatte gehört, wie sie über diesen Krieg spra-
chen, der mit keinem anderen zu vergleichen war.
Er hatte ihre Angst gespürt, ihre Verwirrung,
manchmal ihren Haß; bei diesem Wort senkte er
die Augen und dämpfte die Stimme: Er hatte Män-
ner gesehen, die andere umbrachten, ohne sie
anzusehen, er hatte Männer gesehen, die um ihr
Leben flehten, während sie starben. Er hatte Ihre
Schreie gehört ... Er hielt inne, machte mit der
Hand eine abrupte wegwerfende Geste, schloß die
Lider und schwieg.
Die Frauen betrachteten die Falte, die über seine
Stirn lief, als weinte er, und rückten näher. Sie
schwiegen, und sie wagten sich nicht mehr zu
rühren, die Worte des Mannes drehten sich in ihren
Köpfen wie aufgewirbelte Asche, und die älteste
von ihnen flehte mit erstickter Stimme um Er-
lösung und Vergebung - aber für wen? Der Soldat
hörte sie und wandte ihr den Kopf zu, dann schloß
er die Augen wieder.
Die Morgendämmerung kündigte sich an, die
Frauen mußten gehen. Noch einmal sprach der
Soldat. Er sagte: »Kommt ihr wieder?« Die Frauen
standen auf, ohne zu antworten. Sie gingen den
Weg zurück, und im Dorf trennten sie sich
wortlos.
Nur al-Kutubi suchte am nächsten Tag wieder ihre
Tante Nedschma auf und erzählte ihr ausführlich,
was sich in der vergangenen Nacht ereignet hatte.
Die alte Frau hörte ihr mit abwesendem Blick zu,
bis sie zu Ende war, dann stand sie langsam mit
Hilfe ihres Stocks auf und sagte: "Gepriesen sei der
Mensch, dem Gott die Sprache gegeben hat, denn
ohne Zeugen wäre die Welt dem Untergang
geweiht."
In der folgenden Nacht saßen etwa zehn Frauen,
alte und junge, Witwen, Verlobte und Jungfrauen
wortlos auf der Düne. Einige weinten, denn der
Mann rief in ihnen uralten Kummer und verblaßte,
längst vergessene Liebe wach. Sie dachten an das
lange Schweigen, in das sich ihre Männer manch-
mal hüllten, an ihre Wünsche nach einem Leben,
das anders verlaufen wäre, ohne die sinnlosen Aus-
einandersetzungen am frühen Morgen oder am
Nachmittag, ohne all die gehässigen, sinnlosen und
frevelhaften Worte, gesprochen in der Illusion, mit
diesen Verletzungen lasse es sich besser aushalten.
Manchmal hatten sie Angst vor seinen Sätzen,
wollten sie nicht hören, denn was würde aus ihnen
werden, danach, wenn seine Worte sich in ihren
Köpfen eingenistet hatten? Aber sie blieben; sie
hatten sich schon immer danach gesehnt, daß ein
Mann mit ihnen sprach, sie hatten nie etwas ande-
res gewollt. Daß es ein Toter oder ein Fremder war,
spielte keine Rolle.
Er wußte nichts von diesen Fragen und Zweifeln.
Er lächelte sie an; er lächelte. Er hatte gehört, wie
Nur al-Kutubi näherkam und ihn leise bedauerte.
Ohne sich zu rühren, ließ er es geschehen, daß ihr
Schleier ihn streifte, trotz der Tage und Nächte, die
er in der Einsamkeit des Todes verbracht hatte,
und trotz seiner Sehnsucht, sie anzusehen. Er
wußte, daß sie heimlich gekommen waren, er hatte
gehört, wie die Männer sagten, die Frauen dürften
nichts davon erfahren. Aber jetzt waren sie da, und
der Tod schmerzte nicht mehr; seine Hände, die er
gerne nach ihnen ausgestreckt hätte, lagen auf dem
Boden, aber mit den Worten hatte er die Frauen
nächtelang berührt.
Eines Nachts sprach er nicht mehr vom Krieg,
sondern vom Tod. Nicht von der Trennung, dem
Schmerz und dem Schrecken, nicht vom würde-
losen Ende, den Tränen, der Reue, sondern vom
Danach: Vor sich auf einmal dieser Raum, wie ein
strahlender Tag, der kein Ende kennt, und in
seinem Innern dieser plötzliche Glanz, dieses
Lachen, ein das ganze Leben von der Angst unter-
drücktes Lachen, schließlich der Rausch, alles zu
wissen, und der Friede, der immer größer wird, un-
ermeßlich wie eine Hochsommersonne, die eins
ums andere die Schönheiten und das Elend sichtbar
macht, denen jeder Mensch begegnet und denen er
sich beugt, die ihn manchmal aufschreien lassen
mitten am Tag, an denen er sich aufrichtet, um
weiterzuleben, getragen von der blendenden Kraft
der verheimlichten Gedanken und dem Lachen,
das das Gesicht zum Strahlen bringt, ohne eine
Spur zu hinterlassen. Er hatte gesehen, wie sich die
Männer von Ridschna über ihn beugten und wie
sich ihr Blick öffnete, zum Wissen bereit, und dann
wieder verschloß, da sie sich mit dem Unwissen
zufrieden geben mußten. Er hatte sein eigenes
Leben gesehen, hatte darüber geweint, die Idee des
Menschen war so groß, und er hatte wie auf Spar-
flamme gelebt, wie ein Bedürftiger, und als er dann
erkannte, was der Mensch war, als er sein halb gott-
ähnliches, halb hundeähnliches Wesen begriffen
hatte, schüttelte ihn ein gewaltiges Lachen, nächte-
lang; er lag unter den Sternen und lachte, und um
ihn herum nichts als regloser Sand, so weit das
Auge reichte, er lachte über das, was er war und was
er hätte sein können, lachte über die Raserei der
Menschen und ihr Gemetzel. Dann wieder weinte
er darüber.
Die Herzen der Frauen drohten zu zerspringen;
sie dachten nicht mehr an die Männer und an die
Kinder, sie vergaßen die Angst und die Reue. Wie
die Männer kehrten sie mit anderen Blicken aus
der Wüste zurück, wie die Männer lernten sie eine
neue Geduld kennen.
Dann kam die achte Nacht, und die Frauen wuß-
ten, daß es die letzte war; der Blick des Mannes
hatte sich verhärtet, seine Worte überstürzten sich, 
er wußte es selbst. Er sprach Worte aus, die er bis
dahin zurückgehalten hatte, die letzten Ängste
und auch die letzten Sehnsüchte, dann verstummte
er.
Als seine Stimme erneut einsetzte, von weit her,
abwesend, glaubten die Frauen zuerst, er würde
mit Gott sprechen; aber nein, er sprach zu ihnen.
Zum ersten Mal erwähnte er den Namen einer
Frau; seine Hände skizzierten die Umrisse eines
Körpers, der ihm durch nichts mehr zurück-
gegeben werden konnte; seine Stimme wurde
schwächer, sein Gesicht verschloß sich, er schaute
sie nicht mehr an; da vergaßen die Frauen ihre
Sittsamkeit und gewährten diesem Mann, den die
Einsamkeit zum Verzweifeln brachte, eine letzte
Zärtlichkeit. Sie legten ihm die Hand auf die Stirn,
eine letzte Geste der Liebe, und ihr Gesang wiegte
ihn ein, ganz sanft, linderte sein Leid.
Es wurde Morgen. Der Soldat wandte sich an Nur
al-Kutubi und machte ihr ein Zeichen, das die
anderen nicht sehen konnten. Die Frauen weinten
nicht. Der Mann bat sie, keine rituellen Worte zu
sprechen. "Der Tod reicht völlig", sagte er, und
sein Kopf fiel zur Seite.

Am nächsten Tag bemerkten die Männer, daß die
Verwesung bereits eingesetzt hatte und der Soldat
einen Geruch nach getrockneten Wunden und
nach Tod ausströmte. Sie begruben ihn, ohne ein
Zeichen auf das Grab zu setzen, da sie nicht
wußten, woher er kam.

 

 

aus: "Dominique Sigaud   - Annahmen über die Wüste"  Verlag Berlin, Berlin 1996