zerzura


Oase
&

Wüste
 


Die Oase, strahlender Hain voller Schatten, lauschiger Born zartester Bande, war sie nicht das Paradies auf Erden, der Garten Eden, in den Gottvater in der Schöpfungsgeschichte den ersten Menschen setzte? Und wieso hätte dieser Gott eine Oase schaffen sollen, wenn es keine Wüste gegeben hätte? Nach dem Sündenfall, verschuldet durch Wißbegierde, führte die Vertreibung aus dem Paradies das erste Paar aus dem Überfluß in die Unsicherheit und Angst vor dem Morgen. Eden bedeutet auf Sumerisch bewässertes und damit fruchtbares Land, aber auch Köstlichkeit, Lust, Vergnügen. Oase ist ein von den Griechen entlehntes ägyptisches Wort. Und Paradies stammt vom persischen ferdus ab, aus dem die Griechen paradisos machten. Es ist offensichtlich: Der Begriff des Paradieses oder Garten Eden beruht auf dem auffälligen Gegensatz zwischen Oase und Wüste. Der berühmte Reisende Herodot, Vater der Geschichtsschreibung und der Völkerkunde, welcher Ägypten im 5. Jahrhundert v. Chr. beschrieb, zeigte auf, daß der Unterschied zwischen dem Feuchten und dem Trockenen eine der grundlegenden Grenzen der Biogeographie ist. Für ihn ist das «Wunder des Wassers» ein Privileg, das nur ein Geschenk wohlgesinnter Götter sein kann. Und da Oase und Wüste sich gegenseitig bedingen und die eine gewissermaßen das Negativ der andern ist, läßt sich auch die eine durch die andere definieren.

 

aus: "Faszination Wüste", Mondo-Verlag Vevey, 1992
foto: karkur talh, uweinat, egypt