zerzura

 


 

einsamer
Steinbock
 

Am zweiten Tag, spätnachmittags, erreichte Roeloff die Hantamberge. Über einer Baumgruppe stieg Rauch auf, und ihm wurde klar, daß er sich in der Nähe einer Lagerstätte befand. Die Hufe seines Pferdes würden auf der harten Erde so laut hallen, daß sie erschrecken und sich verstecken würden, und so stieg er vom Pferd und ging die letzte Meile zu Fuß. Twa behauptete, man könne beinahe über einen Sonqua stolpern, ohne ihn zu bemerken, so gut würde er sich an seine Umgebung anpassen. Als er näher herangekommen war, hörte er sie singen und klatschen. Er hoffte, den richtigen Stamm gefunden zu haben.
Doch er war nicht so vorsichtig gewesen, wie er geglaubt hatte, denn ein Kind, das am Rande der Stätte spielte, lief plötzlich hinein und warnte die anderen vor ihm. Die Musik setzte aus, und die Gruppe verstummte.
"Augen des Himmels!"
Er hatte den richtigen Ort gefunden.
Die anderen, die ihn noch nie gesehen hatten, beobachteten erschrocken, wie ein großer Mann, der in den sonnenwarmen Farben der Karoo gekleidet war und lange, helle Haare hatte, die über seine breiten Schultern fielen, mit ausholenden Schritten auf sie zukam.
Dann erst entdeckte er die flachen Schutzschirme aus Gras und Zweigen auf dem offenen Platz hinter einem Baum. Er hatte noch nie zuvor eine so große Gruppe von gelbhäutigen Jägern gesehen. Er erkannte ein paar der Gesichter.
Koerikei löste sich aus der Gruppe.
"Augen des Himmels. Dein Besuch ehrt uns."
Roeloff begrüßte ihn und nickte den anderen in der Nähe zu.
"Du fragst dich, warum ich hier bin."
"Wir haben keine Schafe. Wir halten unser Versprechen, dein Land nicht zu betreten."
"Ich weiß."

den Kopf voller Teufel...

"Was bringt dich her, Augen des Himmels?" Toma trat einen Schritt vor. Er war nicht so geduldig wie die anderen, die darauf warteten, daß der Gast etwas sagte.
Roeloff sah den jungen Jäger an.
"Ich suche Zokho."
Damit hatten sie nicht gerechnet.
"Zokho? Warum suchst du sie? Sie ist vor langer Zeit weggelaufen."
"Sie kam zu mir."
Ihre Stimmen erhoben sich im Chor.
"Zu dir?" fragte Koerikei.
"Es gibt ein Kind. Sie ließ es allein, nur wenige Stunden alt."
Die anderen sahen sich skeptisch an.
"Ihr beide? Ein Kind?" Das war ja unglaublich.
"Es ist tapfer von dir, hierherzukommen, nachdem du dir eine von unseren Leuten genommen hast", sagte Toma.
"Ich nahm sie mir nicht. Sie kam zu mir, freiwillig."
"Und verließ dich wieder, wie sie gekommen ist. Das ist Zokho."
Ein alter Mann aus der Gruppe kam auf ihn zugehumpelt. Roeloff erkannte die gebeugte Figur von Limp Kao.
"Du erinnerst dich an Limp Kao?" fragte Koerikei. "Er ist blind, doch er kann weiter blicken als die meisten anderen hier. Er erzählt uns, alter Vater, daß Zokho bei ihm war. Es gibt ein Kind. Jetzt ist sie weggelaufen."
Limp Kao nickte.
"Komm, wir setzen uns", sagte Koerikei. "Das wird ein langer Tag. Laß uns reden."
Roeloff fiel auf, daß sie im Kreis um eine Person herumgestanden hatten, die auf dem Boden lag. Er betrachtete sie genauer und sah, daß es ein junges Mädchen war, hochschwanger, und über sie beugte sich ein Mann, der mit Fellen bekleidet war und Rankgewächse um seine Fußgelenke gewickelt hatte.
"Ich habe euch unterbrochen."
"Eine Heilzeremonie. Sie ist vorbei. Dieses Mädchen ist Tomas Frau. Sie ist von bösen Geistern besessen. Toma hat nicht viel Glück mit seinen Frauen. Diese hat auch den Kopf voller Teufel."

Augen des himmels...

Roeloff sah Toma an.
"War die Zeremonie erfolgreich?"
Toma antwortete nicht.
"Wir werden morgen wissen, ob der Heiler ihre Krankheit angenommen hat", sagte Koerikei. "Wenn nicht, werden wir es noch einmal im neuen Mond versuchen. Komm, setzen wir uns mit Limp Kao an mein Feuer. Du bist an einem guten Tag gekommen; wir haben eine Elenantilope erlegt."
Der Platz leerte sich, und die Leute kehrten an ihre Feuerstellen zurück.

Er saß mit Koerikei, Tau und Limp Kao an ihrem Feuer und aß mit ihnen Fleisch, das der Jäger ihm, auf die Spitze eines Stocks gesteckt, reichte. Die Keule war perfekt gebraten, das Fleisch löste sich vom Knochen. Er war so hungrig, daß er sogar eine Puffotter gegessen hätte, wenn ihm eine angeboten worden wäre. Er nahm das höfliche Verhalten seines Gastgebers wahr, die Ruhe der anderen. Koerikei teilte erst und nahm sich selbst das kleinste Stück. Roeloff staunte über die Harmonie unter diesen Menschen, die ein so eng verbundenes Leben führten. Er hatte Fragen, empfand es aber als aufdringlich, sie zu stellen. Nach dem Essen reichte Tau ein Straußenei, aus dem jeder einen Schluck Lehmwasser trank.
"Ich habe schon lange nicht mehr so gut gegessen", sagte Roeloff ehrlich. "Ich danke euch."
Koerikei beschäftigte sich mit kleinen Ästen an der Feuerstelle und versuchte, nicht zu zeigen, wie sehr ihn das freute. Sie saßen sich am Feuer gegenüber. Roeloff betrachtete ihn genau. Seine Füße starrten vor Dreck und waren so rissig wie die Füße von Twa, Koerikei aber war um viele Jahre jünger, und sein sehniger Körper glänzte im Feuerschein. Seine Bescheidenheit beeindruckte Roeloff. Koerikei fand freundliche Worte für seine Frau und schien die Dinge sorgfältig abzuwägen, bevor er etwas sagte. Ein guter Charakterzug, hätte sein Großvater gesagt. Ein Mann, der dahinbraust wie der Wind, macht überflüssigen Lärm, doch derjenige, der seine Worte abwägt, hat mit Sicherheit Wichtiges zu sagen.
"An unseren Feuern wird oft von dir erzählt, Augen des Himmels", sagte Limp Kao schließlich. "Wir sind nie zuvor einem Menschen wie dir begegnet."
Koerikei lächelte. Er stimmte dem alten Vater zu.
"Wir reden oft von dem, der den Wind in den Augen trägt und den Regen in seinem Herzen; wie er, nach allem, was geschehen war, uns doch ein Schaf seines Vaters gab. Wir sagten, er sei klug. Und gerecht. Der weiße Mann behandelt uns nicht sehr freundlich. Jeden Tag drängt er uns weiter und weiter weg, zur Sonne hin. Wir haben nichts dagegen, wenn er sich ein Stück von unserem Land nimmt, aber er will die Früchte aus der Erde und ihre Tiere, und uns soll nichts mehr bleiben. Wir sind schon hoch hinaufgezogen. Das alles hier war unser, bevor er mit seinen Gewehren herkam. Wohin sollen wir gehen? Die Götter geben das Wasser, sie geben die Tiere, aber sie erschaffen nicht noch mehr Land. Bald werden wir am Ende der Erde hinunterfallen."
Roeloff nahm sich ein Stück Tabak und zerbröckelte ihn auf einem trockenen Blatt, das er glattstrich und zusammenfaltete. Er zündete es an und reichte es dem alten Mann.
Limp Kao zog den Rauch tief in die Lungen.

DER WAHRE LEIHGEBER ALLER DINGE...

"Uns gehört nichts, und wir wollen nur in Frieden leben. Wir könnten nicht überleben, wenn wir uns nicht einigten. Nichts teilten. Wenn du eine Antilope hast, esse ich bei dir. Morgen, wenn ich etwas habe, ißt du bei mir. Du sagtest einmal, sich etwas auszuleihen hieße, sich mit Zustimmung etwas zu nehmen. Danach gibst du es zurück. Wir haben darüber gesprochen. Ich frage dich, Augen des Himmels, wer ist der wahre Leihgeber aller Dinge? Wer nimmt sie zurück? Mit einem vollen Bauch ist leicht reden, doch was würdest du tun, wenn du der Eigentümer wärst und wir die Eindringlinge, die dich bestehlen?"
"Ich würde mir selbst treu bleiben."
Limp Kao dachte darüber nach. "Dir selbst treu zu bleiben, wenn ein Gewehr auf dein Herz gerichtet ist, ist gefährlich."
"Das ist wahr, aber du kannst nicht ändern, wer du bist. Mein Großvater erzählte mir einmal von der Freiheit. Er sagte, ich solle mich in acht nehmen vor einem Menschen, der sagt, er könne sie mir geben. Wer das sagt, spricht von einer neuen Art, dich in Ketten zu legen." Limp Kao nickte.
"Er war weise, der Vater deines Vaters. Freiheit kommt von hier drinnen." Er berührte seine Brust. "Ohne sie stirbst du." Er zog ein letztes Mal an dem Tabak und gab ihn dann Roeloff zurück. "Laß uns jetzt über Zokho sprechen. Du hast einen weiten Weg hinter dir. Was wirst du tun, wenn du sie findest?"
"Meine Frage stellen und gehen."
"Wie lautet deine Frage?"
"Warum sie es getan hat."

FOLGE DEM RAT DEINES VATERS VATER...

"Ihre Antwort wird dir nicht gefallen, Augen wie der Himmel. Zokho hat die Gunst der Götter verloren, ihr Geist ist nicht mehr rein. Doch wenn sie es getan hat, dann nur, um sich selbst zu schützen. Unser Verhalten ist für andere schwer zu verstehen. Eine Mutter, die Zwillingen das Leben schenkt, muß sich entscheiden, welches von ihnen überleben soll. Ein Kind mit einer Behinderung wird begraben, um ihm Leid zu ersparen. So verlangt es das Gesetz des Velds."
"Welche Rechtfertigung gibt es dafür, ein Kind zu verlassen, wenn sein Vater nicht da ist, um es zu schützen?"
"Keine. Ich weiß nicht, warum sie es getan hat. Der Schakal versteht die Faulheit der Riesenschlange nicht, doch er geht ihr trotzdem aus dem Weg. Vergiß es, und vergiß Zokho. Folge dem Rat deines Vaters Vater."
Sie saßen lange schweigend am Feuer. Wie durch eine unausgesprochene Übereinkunft standen ein paar Leute von ihren Feuerstellen auf, versammelten sich in der Mitte der kreisförmig aufgestellten Hütten und legten eine neue Feuerstelle an.
"Sie wollen dir zu Ehren eine Vorstellung geben", sagte Koerikei. "Die Jäger werden uns mit ihren Geschichten unterhalten. Toma und Gau haben die Elenantilope erlegt, sie werden anfangen. Du wirst hören, wie Toma beinahe von ihren Hörnern durchbohrt wurde. Er ist der beste Geschichtenerzähler, und er hat viele Narben, die das beweisen."
Roeloff saß am Feuer seiner Gastgeber und wurde von dem heiteren Treiben gefangengenommen. Die Geschichten wurden tanzend und spielend erzählt, und die Jäger ahmten auch die verängstigten Tiere nach, indem sie sich auf die Erde warfen und sich qualvoll krümmten. Das Fest dauerte bis in die frühen Morgenstunden, und die Kinder rannten zwischen den Feuerstellen hin und her.

ES WIRD TAGE DAUERN, BIS ICH SIE FINDE...

Am nächsten Morgen erwachte er von der Wärme an seinem Rücken. Er lag zwischen Limp Kao und Koerikei.
"Ich möchte euch danken, Koerikei und alter Vater. Ich muß aufbrechen, bevor die Sonne zu hoch am Himmel steht."
"Du wirst nicht mit uns jagen?" fragte Koerikei.
"Sie warten zu Hause auf mich. Aber ich habe eine letzte Frage."
Die Jäger warteten.
"Wißt ihr vielleicht, wer Schafe gestohlen haben mag ..." Er berechnete rasch den Fußweg bis an den Lederberg. "... etwa fünf Tage in diese Richtung?" Er wies in den Süden.
"Unsere Leute halten sich zwischen dem Hantam und dem großen Fluß auf. Wir waren es nicht."
"Ich weiß. Aber wißt ihr nicht, wo ich sie suchen könnte? Gibt es da unten in der Gegend Sonqua?"
Auf Koerikeis Gesicht breitete sich ein warmes Lächeln aus.
"Sonqua sind überall, Augen wie der Himmel. Manchmal stehst du direkt vor ihnen und weißt nicht einmal, daß sie da sind."
Roeloff erkannte die Bedenken des Jägers.
"Ich will ihnen nichts tun, Koerikei. Ich habe deinen Leuten noch nie etwas getan. Ich möchte nur die Schafe zurückholen."
Koerikei betrachtete seine Füße, dann sah er langsam auf.
"Wir wissen von einer Gruppe auf den roten Bergen."
Koerikei meinte die Lederberge. Roeloff spürte, wie die Hoffnung in ihm stieg.
"Es sind viele Berge, und sie sind lang. Es wird Tage dauern, bis ich sie finde."
"Du mußt bis ans andere Ende reiten. Wenn du von oben Grasflächen und Bäume siehst und merkst, daß die Landschaft anders ist, weißt du, daß du sie gefunden hast."
Roeloff stieg auf sein Pferd.
"Danke."
"Du willst ganz sicher nicht länger bleiben? Wir haben nicht weit entfernt von hier Springböcke gesehen. Mit deinem Gewehr können wir einen schießen und für viele Tage genug zu essen haben."
Roeloff lächelte.

"Ich werde wiederkommen, dann gehen wir jagen. Wenn ich unterwegs etwas finde, schieße ich zweimal, damit ihr wißt, daß ich etwas erlegt habe."
Tau reichte ihm ein Straußeneigefäß.
"Ihr braucht es nicht?"
"Nein."
Roeloff wußte, daß sie log, nahm es aber respektvoll an.
"Gute Reise, Augen wie der Himmel. Wenn du Regen siehst, sag ihm, er soll hierherkommen."
"Danke. Und dank dir, alter Vater."


Dann galoppierte er im Veld davon. Der Aufenthalt hatte ihn erfrischt, sein Pferd war ausgeruht, und er hatte es eilig, die Schafe zu finden und nach Hause zurückzukehren. Er ritt an einem alten Weg vorüber, dem er früher einmal mit Twa zusammen gefolgt war, und ein Gefühl der Sehnsucht stieg in ihm auf. Er war weniger als eine Stunde entfernt von dem Ort, an dem er geboren worden war. Seine Gedanken wanderten zu seiner Familie, den Menschen, die auf Kloot's Nek lebten, dann verdrängte er sie, wie er es so oft tat.

ER HÄTTE GERN EIN ZEICHEN SEINER ANWESENHEIT ZURÜCKGELASSEN...

Es war später Nachmittag, als er neben ein paar Dornbüschen haltmachte, um sich auszuruhen und etwas zu essen. Warum dieser Ort ihn angezogen hatte, wußte er nicht, doch er bemerkte eine frische Markierung im Sand, als wäre etwas aus der Erde gehoben und wieder vergraben worden. Er betrachtete die Stelle genauer und sah, daß dort jemand gehockt hatte; die Fersen waren tief in den Sand gedrückt worden, die Fußspuren waren schmal und klein.
Er kniete sich hin und schaufelte den Sand mit den Händen weg. Wenige Minuten später hob er ein Straußenei heraus, das durch die Einbettung in der heißen Erde warm war. Ein winziges Loch oben in dem Ei war mit einem Propfen aus trockenem Gras zugestopft worden. Die Jäger begruben in der Karoo überall in Straußeneiern Wasser für Durchreisende.
"Du warst also hier und hast etwas getrunken."
Er begrub das Ei wieder und stand auf. Er hätte gern ein Zeichen seiner Anwesenheit zurückgelassen, entschied sich aber dagegen. Sie würden glauben, daß das Wasser vergiftet worden sei, und es lag nicht in seiner Absicht, eine lebensrettende Tradition zu behindern.
Wo bist du, Zokho? Bist du hier?
Er ging ein paar Schritte, untersuchte den Boden und fand Spuren, die zu einigen Sträuchern kaum zweihundert Meter von ihm entfernt führten. Sein Herz hämmerte in seiner Brust.
"Zokho!"
Er erhielt keine Antwort, hörte nur den leisen Flügelschlag eines Aasgeiers in der Luft.
Er näherte sich der Stelle, wo er ihr Versteck wähnte. Es war anders als damals, als er sie allein in der Steppe gefunden hatte. Damals empfand er ein wildes Verlangen, und Zokho war ihm entgegengelaufen. Jetzt gab es nichts als Distanz und Schuld.
Er erreichte den Strauch und schaute hinter ihn. Sie war nicht da. Er ging zu einem zweiten, kleineren Strauch und fand sie zusammengekauert, mit dem Kopf zwischen den Knien. Wenn er sie nicht gesucht hätte, wäre er an ihr vorbeigegangen, so gut paßte sie sich an ihre Umgebung an.
"So. Hier hat dein Weg dich also hingeführt."
Sie stand auf und ging weg, ohne ihn zu beachten. Das Kaross hatte sie sich um die Taille gebunden, und an ihrem flachen Bauch verriet kein äußeres Zeichen, daß sie vor kurzem ein Baby geboren hatte. Nur aus ihren Brüsten, groß und birnenförmig, rann Milch.
Er folgte ihr und ging neben ihr her. "Ich rede mit dir."
Sie ging weiter.
Er trat mit einem Schritt vor sie. "Warum bist du weggelaufen? Hast unser Baby zurückgelassen?"
Sie kratzte mit ihrem Stock im Sand.
"Ich rede mit dir, sieh mich an!"
Der Stock fiel ihr aus der Hand, und sie schaute auf. Verärgerung oder Verletzung in ihrem Blick hätte ein Gefühl ausgedrückt, doch sie sah ihn an, als würde sie ihn zum erstenmal sehen.
"Du hast nichts dazu zu sagen?"
Sie löste ihr Kaross an der Taille und warf es sich über die Schultern, verhüllte ihre Brüste und verschloß sich vor ihm.
"Ich habe dir gesagt, daß ich nicht auf der Farm bleiben möchte."

ES GAB KEIN GESETZ, DAS DAS WIEDERGUTMACHEN KONNTE...

"Und das ist ein Grund, unser Kind zu verlassen?"
"Das und anderes."
"Was ist das andere?"
"Du weißt sehr wohl, was das andere ist."
"Du hast unser Baby bekommen. Du hast es verlassen. Ihm hätte sonstwas passieren können. Welche Mutter tut so etwas?"
In ihre Augen schlich sich ein herausfordernder Blick.
"Worüber beschwerst du dich? Du wolltest die Tochter des weißen Mannes, jetzt kannst du sie haben. Zokho war zum Heiraten nicht gut genug."
"Daß du dich über mich ärgerst, hat damit nichts zu tun. War er dir egal?"
"Ich will ihn nicht! Ich habe ihn in der Nacht, in der er geboren wurde, ausgesetzt. Unter einem Baum, für die Schakale! Dein Krüppel hat ihm das Leben gerettet!"
Die Worte fuhren wie ein Stich in sein Herz, und er zuckte zusammen: "Schakale? Was meinst du?"
"Frag Twa. Er wird dir bestimmt gern erzählen, wie er das Kind am nächsten Tag ins Leben zurückrief."
Roeloff sah sie an. Er war sprachlos. Die Zokho, die er kannte, war kindlich und unschuldig, es gab nichts Böses in ihr. Er stieg auf sein Pferd. Die Verbindung, die zwischen ihnen bestanden hatte, war hier draußen gestorben, durch ihre Taten, ihre Worte. Sie hätte ebensogut ihre Hände um sein Herz legen und es zum Stillstand bringen können. Es gab kein Gesetz, das das wiedergutmachen konnte. Kein Gesetz der Sonqua und kein anderes. Er hatte mit ihr nichts mehr zu tun. Selbst wenn es ihm leid tat, er konnte daran nichts ändern.
"Jetzt habe ich dich verletzt. Bist du zufrieden?"
Er war immer noch sprachlos.
Zokho zog das Kaross fester um sich und ging an ihm vorbei, um ihren Weg fortzusetzen.
Er saß im Sattel und beobachtete sie, die sich wie ein einsamer Steinbock in der Wildnis auskannte. Das war der Unterschied zwischen ihnen. Nicht die Tatsache, daß sie Sonqua war, daß ihre Götter nicht die seinen waren, sondern daß sie weggehen konnte. Ohne Eile. Frei. Der alte Vater hatte recht, er verstand es nicht. Er wollte es nicht verstehen.

"Leb wohl, Rauch in den Augen", sagte er leise zu sich selbst. Das Kaross wurde immer kleiner in der Ferne. Als sie mit dem Veld eins geworden war, drehte er um und ritt gemessen dem Wind entgegen, der seine Augen trocknete.

 

aus Rayda Jacobs: Augen des Himmels. Aus dem Englischen von Hilde Schruff. © 1996 Rayda Jacobs. © der deutschsprachigen Ausgabe: 1999 Lamuv Verlag, Göttingen.
foto: karwendel, deutschland